{"id":322,"date":"2020-03-26T13:15:05","date_gmt":"2020-03-26T13:15:05","guid":{"rendered":"https:\/\/peterblog.bastian-boehm.de\/?p=322"},"modified":"2020-03-27T16:18:39","modified_gmt":"2020-03-27T16:18:39","slug":"vergegnender-abschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.peterbremicker.com\/index.php\/2020\/03\/26\/vergegnender-abschied\/","title":{"rendered":"Vergegnender Abschied"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Vater. Sein Gesicht hat sich an einen Ort zur\u00fcckgezogen den der Sohn nicht  kennt.<\/p>\n\n\n\n<p> Jetzt f\u00e4llt sein Gesicht dem Sohn entgegen. Der Sohn kauert auf dem Boden des Kuhstalls. Vor ihm liegt die Kreidler seines Nachbarn. Der Nachbar hat sie ihm verkauft. Ein rotes Mofa.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Gesicht ist voller Trauer, der letzte Funke Freude \u00fcber die Kreidler und die neu gewonnene Freiheit, entweichen aus ihm. Alles in ihm gefriert beim Anblick seines Vaters. Der Vater blickt von oben auf ihn herab. Er kauert vor der Kreidler. Putzt die verchromten Teile an ihr, blank. <\/p>\n\n\n\n<p>Menschen sind nicht sch\u00f6n im Tod. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater fragt ihn: \u201eWillst Du Dich von Mama verabschieden. Sie stirbt jetzt?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Er kann nichts sagen. Sein Hals und sein Kopf haben keine Blutzufuhr mehr. Alles ihn ihm scheint f\u00fcr den Augenblick gefroren. <\/p>\n\n\n\n<p>Er sch\u00fcttelt wild und schmerzverzehrt den Kopf. Presst die Lippen aufeinander. Schaut unter sich. Schaut den Vater nicht mehr an. Sp\u00fcrt in seinen Gliedern, Adern, an seinem gesamte K\u00f6rper den Schmerz. Er will schreien, toben, rennen, weg von diesem Ort.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater dreht sich um, dreht sich weg von ihm. Im kurzen Blick vom Boden unten auf dem er zusammen sinkt, richtet sich f\u00fcr eine Sekunde noch einmal der Blick in Richtung seines fortgehenden Vaters. Er sieht seine Schultern. Sein gesamter K\u00f6rper ist eingefallen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gebeugt geht er am Brenner der Heizung vorbei, vier Stufen nach unten, an der Werkbank mit dem Schraubstock entlang, zehn Stufen hoch, schlie\u00dft die T\u00fcr hinter der Kellertreppe. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater macht hinter der Keller einen Schritt im Flur nach rechts. Dort in das umgebaute Wohnzimmer, dass seit einigen Wochen als Schlafzimmer fungiert und in dem jetzt die sterbende Ehefrau und Mutter die letzten Atemz\u00fcge macht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die langj\u00e4hrige Haus\u00e4rztin sitzt am Bettrand. Sie hat in den letzten Stunden ununterbrochen Schmerzmittel gespritzt in den K\u00f6rper der Mutter gespritzt, um ihr das Sterben zu erleichtern. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater  setzt sich neben seine Frau auf\u00b4s Bett, w\u00e4hrend der Sohn einen Stock auf dem Kuhstallboden liegt und bereit ist, seiner Mutter es gleich zu tun und mit ihr zu sterben.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater nimmt die Hand der Mutter und sp\u00fcrt, wie sie die letzten Atemz\u00fcge macht, bevor ihre Augen sich f\u00fcr immer schlie\u00dfen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat keine Ahnung, wie lange er auf dem Stallboden gelegen hat. Er hat auch keine Ahnung, wo seine Schwester in den vergangen Stunden sich aufgehalten hat. Ob sie in den letzten Lebensminuten ihrer Mutter, bei ihr gesessen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Er setzt sich auf.  Setzt sich neben seine Kreidler. Er ist vor zwei Wochen 15 Jahre alt geworden. Sp\u00e4testens in diesem Augenblick wird immer einen Teil in ihm in Starre und Einsamkeit vor sich hin vegetieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch mehr als 30 Jahren sp\u00e4ter, kann er sich nicht erinnern, was danach passiert ist. Wo er hingegangen ist. Ob er damals den Weg nach oben geschafft hat? Ob er auf dem Kuhstallboden weinend eingeschlafen ist und am n\u00e4chsten morgen wieder aufwachte?&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Abend im Oktober 1986 hatte der Nebel ihn vollends umschlossen. Sichtweite, keine Hand breit und seit dem hatte sich der Nebel auch nie wirklich v\u00f6llig aufgel\u00f6st. <\/p>\n\n\n\n<p>An dem Tag der Beerdigung, drei Tage sp\u00e4ter, beginnen seine Erinnerungen wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Seiner Schwester hatte er damals das Versprechen abgerungen, dass sie in der Kirche nicht weinen sollte. Doch als der Pfarrer den Namen seiner Mutter ausspricht, f\u00e4ngt er hemmungslos an, zu weinen und zu schreien. <\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Trauerzeremonie hindurch wird er nicht damit aufh\u00f6ren. Einzelne Teilnehmer k\u00f6nnen sein Weinen und sein Geschrei nicht aushalten und verlassen fluchtartig die Kapelle. <\/p>\n\n\n\n<p>Rennen raus an die Luft, um sich Luft zu verschaffen. Sein unb\u00e4ndiger Schmerz dringt ihnen durch Mark und Bein. <\/p>\n\n\n\n<p>Er wird sich erst beruhigen, als sie den Friedhof mit dem abgesenkten Sarg verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er liebt, dann liebt er leidenschaftlich. Seine Mutter ist tot. Und ein Teil von ihm, sagt seine Therapeutin Jahre sp\u00e4ter, ist mit ihr in das Grab gestiegen und dort geblieben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eScherz ist die drittbeste Tarnung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die zweitbeste ist Sentimentalit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die beste aber ist immer noch die blanke nackte Wahrheit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die glaubt niemand.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Max Frisch<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vater. Sein Gesicht hat sich an einen Ort zur\u00fcckgezogen den der Sohn nicht kennt. Jetzt f\u00e4llt sein Gesicht dem Sohn entgegen. Der Sohn kauert auf dem Boden des Kuhstalls. Vor ihm liegt die Kreidler seines Nachbarn. Der Nachbar hat sie ihm verkauft. Ein rotes Mofa. 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